Mehr als der CO₂-Fußabdruck: was der kommende GHG Protocol AMI Standard für Nachhaltigkeitsberater bedeutet
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Seit mehr als zwei Jahrzehnten basiert die unternehmerische CO₂-Bilanzierung auf einem zentralen Konzept: dem Treibhausgasinventar. Scope-1-, Scope-2- und Scope-3-Emissionen sind zum Standard für die Messung und Berichterstattung der Klimawirkung geworden.
Dieser Ansatz hat einen konsistenten und weit verbreiteten Rahmen geschaffen. Er hat jedoch auch klare Grenzen.
Da Unternehmen zunehmend in Dekarbonisierungsmaßnahmen investieren – von der Beschaffung erneuerbarer Energie bis zur Finanzierung kohlenstoffarmer Technologien –, stellt sich eine wichtige Frage: Wo tauchen diese Maßnahmen in der CO₂-Berichterstattung auf?
In den meisten Fällen gar nicht.
Der kommende GHG Protocol Actions and Market Instruments (AMI) Standard ist ein Versuch, diese Lücke zu schließen. Er ersetzt das bestehende Inventar nicht. Stattdessen erweitert er den Berichtsrahmen, um besser abzubilden, wie Unternehmen Emissionen über ihren direkten Fußabdruck hinaus beeinflussen.
Warum der AMI Standard entwickelt wird
Der aktuelle Rahmen des GHG Protocol basiert auf attributiver Bilanzierung. Er beantwortet eine bestimmte Frage: Welche Emissionen lassen sich den Aktivitäten und der Wertschöpfungskette eines Unternehmens zuordnen?
Das funktioniert gut, um einen Fußabdruck zu messen. Weniger gut eignet es sich, um Klimamaßnahmen und Interventionen zu erfassen.
Beispiele dafür sind:
- Investitionen in kohlenstoffarme Technologien
- Finanzierung von Projekten für erneuerbare Energien
- Ermöglichung von Emissionsreduktionen in der Wertschöpfungskette
- Kauf von Zertifikaten oder Beteiligung an marktbasierten Mechanismen
Viele dieser Maßnahmen haben eine reale Klimawirkung, liegen aber außerhalb der traditionellen Inventargrenzen. Dadurch entsteht für Unternehmen eine Diskrepanz zwischen:
- dem, was sie berichten (ihrem Fußabdruck)
- und dem, was sie tun (ihren Klimamaßnahmen)
Der AMI Standard soll diese Lücke schließen, indem er einen strukturierten Weg schafft, beides zu berichten.
Ein Wandel hin zu einer CO₂-Berichterstattung mit mehreren Statements
Der zentrale Vorschlag des AMI Standard ist der Übergang zu einem Berichtsmodell mit mehreren Statements.
Anstatt sich auf eine einzige Emissionszahl zu stützen, würden Unternehmen über vier sich ergänzende Statements berichten.
1. Physisches THG-Inventar
Dies bleibt die Grundlage. Es bildet Emissionen auf Basis physischer Aktivitäten über Scope 1, 2 und 3 ab.
Wichtig ist, dass dieses Inventar nicht verändert wird. Es liefert weiterhin eine konsistente und vergleichbare Sicht auf die Emissionen aus dem Betrieb und der Wertschöpfungskette.
2. Marktbasiertes THG-Inventar
Dieses Statement erfasst Emissionen, die mit vertraglichen und beschaffungsbezogenen Entscheidungen verbunden sind, wie zum Beispiel:
- Verträge über erneuerbaren Strom
- Zertifikate
- Entscheidungen für eine kohlenstoffarme Beschaffung
Es macht die Wirkung von Marktinstrumenten sichtbar, ohne das physische Inventar zu verändern.
3. THG-Wirkungsstatement
Dies ist die wichtigste Ergänzung.
Es berichtet über die Wirkung von Maßnahmen und Interventionen, darunter:
- vermiedene Emissionen
- Emissionsreduktionen
- Entnahmen (Removals)
Diese Wirkungen können sowohl innerhalb als auch außerhalb der Wertschöpfungskette auftreten. Der wesentliche methodische Wandel ist die Anwendung konsequenzieller Bilanzierung, die sich darauf konzentriert, wie Maßnahmen die realen Emissionen verändern.
4. Nicht-THG-Indikatoren
Die letzte Komponente umfasst Kennzahlen, die nicht in CO₂e ausgedrückt werden, wie zum Beispiel:
- Anteil der kohlenstoffarmen Beschaffung
- finanzielle Beiträge zu Klimalösungen
- weitere zukunftsorientierte KPIs
Diese Indikatoren liefern zusätzlichen Kontext und unterstützen die Entscheidungsfindung.
Von einer Zahl zu mehreren Perspektiven
Konzeptionell führt der AMI Standard einen wichtigen Wandel ein.
Die traditionelle CO₂-Bilanzierung zielt darauf ab, eine einzige, umfassende Emissionszahl zu ermitteln. Der neue Ansatz erkennt an, dass unterschiedliche Fragen unterschiedliche Kennzahlen erfordern.
In der Praxis bedeutet dies eine Trennung zwischen:
- dem, was ein Unternehmen emittiert (physisches Inventar)
- und dem, was es durch Entscheidungen und Maßnahmen beeinflusst (Wirkungsstatement)
Diese Unterscheidung ist nicht immer intuitiv. Sie erfordert die Akzeptanz, dass mehrere „Sichtweisen“ auf die Klimaleistung nebeneinander bestehen können, jede mit ihrer eigenen Logik und ihrem eigenen Zweck.
Für Nachhaltigkeitsberater bedeutet dies den Übergang von einer einzigen Kennzahl zu einem Rahmen sich ergänzender Indikatoren.
Zeitplan und aktueller Stand
Der AMI Standard befindet sich noch in der Entwicklung.
Die aktuelle Phase basiert auf einem White Paper und einer Request for Information (RFI), die von März bis Mai 2026 offen ist. In dieser Phase geht es darum, Feedback zum konzeptionellen Design einzuholen, nicht um detaillierte technische Anforderungen.
Die nächsten Schritte sind:
- Konsultation zum Standardentwurf, geplant für Q3 2027
- Endgültiger Standard, erwartet um 2028
Dieser Zeitplan bedeutet, dass die Umsetzung noch einige Jahre entfernt ist. Die Richtung ist jedoch bereits klar.
Was dies für Nachhaltigkeitsberater bedeutet
Für Nachhaltigkeitsberater bringt der AMI Standard sowohl Herausforderungen als auch Chancen mit sich.
Erstens erhöht er die konzeptionelle Komplexität. Berater müssen erklären, warum es unterschiedliche Kennzahlen gibt, wie sie zueinander in Beziehung stehen und was sie für die Entscheidungsfindung bedeuten. Das geht über die traditionelle CO₂-Bilanzierung hinaus.
Zweitens erweitert er den Umfang der Beratungsarbeit. Neben der Erstellung von Fußabdrücken werden sich Berater zunehmend befassen mit:
- Klimaschutzstrategien
- Finanzströmen und Investitionen
- marktbasierten Mechanismen
- Interventionen in der Wertschöpfungskette
Drittens unterstreicht er die Notwendigkeit klarer Kommunikation und Abgrenzung. Die Trennung zwischen physischen Emissionen und wirkungsbasierten Kennzahlen muss gut verstanden werden, um Verwirrung oder Missbrauch zu vermeiden.
Gleichzeitig bietet der AMI-Rahmen etwas, das bisher gefehlt hat: einen strukturierten Weg, die CO₂-Bilanzierung mit realen Klimamaßnahmen zu verknüpfen.
Fazit
Der AMI Standard soll das THG-Inventar nicht ersetzen, sondern ergänzen.
Mit der Einführung eines Ansatzes mit mehreren Statements erkennt er eine Realität an, mit der Nachhaltigkeitsberater bereits konfrontiert sind: Eine einzige Emissionszahl reicht nicht aus, um das Gesamtbild der Klimaleistung eines Unternehmens zu erfassen.
Der vorgeschlagene Rahmen trennt Fußabdruck, Marktentscheidungen und Klimamaßnahmen in eigenständige, aber miteinander verbundene Elemente. Das erhöht die Komplexität, aber auch die Klarheit.
Für Berater ist die Konsequenz klar. Die CO₂-Bilanzierung entwickelt sich von einer Messaufgabe zu einem umfassenderen System der Wirkungsberichterstattung.
Diesen Wandel zu verstehen – und Kunden dabei begleiten zu können – wird zu einem immer wichtigeren Teil der Nachhaltigkeitsberatung.
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