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Scope 2 in Überarbeitung: strengere Regeln, offene Fragen

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Das Greenhouse Gas Protocol überarbeitet derzeit seine Scope-2-Guidance im Rahmen einer umfassenderen Aktualisierung der Standards für die unternehmerische CO₂-Bilanzierung. Für Nachhaltigkeitsberater:innen ist dies mehr als eine technische Anpassung. Das Scope-2-Reporting bildet die Grundlage für Aussagen über erneuerbaren Strom, Zielsetzungsstrategien und Investor-Disclosure.

Die vorgeschlagenen Änderungen sollen Glaubwürdigkeit und Konsistenz verbessern. Ob sie tiefere strukturelle Spannungen lösen, ist weniger sicher.

Dieser Artikel fasst die wichtigsten Entwicklungen und praktischen Auswirkungen zusammen.

Diese Frage wurde von 180 Nachhaltigkeitsexpert:innen während des webinar zur Scope 2 Guidance beantwortet.
Diese Frage wurde von 180 Nachhaltigkeitsexpert:innen während des webinar zur Scope 2 Guidance beantwortet.

Warum die Scope-2-Guidance aktualisiert wird

Drei Themen haben diese Überprüfung ausgelöst.

Genauigkeit.

Unternehmen können derzeit Zertifikate aus Stromerzeugung kaufen, die ihre Aktivitäten physisch nicht hätte beliefern können. Grenzüberschreitende Zertifikatskäufe ohne Netzverbindung oder die Zuordnung von Solarzertifikaten zu nächtlichem Stromverbrauch haben die Glaubwürdigkeit solcher Aussagen geschwächt.

Wirkung.

Studien zeigen, dass Märkte für kostengünstige Zertifikate selten zusätzliche Investitionen in erneuerbare Energien auslösen. Die Preise sind meist zu niedrig und zu unsicher, um Investitionsentscheidungen für neue Anlagen zu beeinflussen.

Fairness.

In vielen europäischen Märkten wird erneuerbare Kapazität öffentlich über Umlagen oder regulierte Fördermechanismen finanziert. Dennoch können freiwillige Käufer die entsprechenden Zertifikate erwerben und die erneuerbaren Eigenschaften beanspruchen.

Die Überarbeitung versucht, auf diese Probleme zu reagieren.


Location-Based Method: mehr Granularität, mehr Struktur

Die Änderungen an der location-based-Methode sind vergleichsweise unkompliziert.

Es wird eine Hierarchie für die Auswahl von Emissionsfaktoren vorgeschlagen:

  1. Der räumlich granularste verfügbare Faktor (z. B. Regelzone statt national).
  2. Der zeitlich granularste verfügbare Faktor (z. B. stündlich statt jährlich).
  3. Bevorzugung von verbrauchsbezogenen gegenüber produktionsbezogenen Faktoren.

Diese Anforderungen gelten nur, wenn die Faktoren öffentlich verfügbar, frei nutzbar und aus glaubwürdigen Quellen stammen. Die Umsetzung erfolgt schrittweise.

Implikationen für Berater:innen:

  • Wachsende Notwendigkeit stündlicher Verbrauchsdaten (insbesondere bei großen Energieverbrauchern).
  • Stärkere Prüfung von Emissionsfaktor-Datenbanken.
  • Klarere interne Governance bei der Auswahl von Faktoren.

Die Entwicklung geht in Richtung größerer Präzision – ohne Anforderungen zu stellen, wenn Daten nicht vorhanden sind.


Market-Based Method: Verschärfung des Rahmens

Die komplexere Reform betrifft die market-based-Methode.

Zeitliche und räumliche Übereinstimmung

Zertifikate müssten sowohl mit Folgendem übereinstimmen:

  • der Netzregion des Stromverbrauchs
  • dem Zeitraum des Stromverbrauchs

Dies adressiert die sichtbarsten Inkonsistenzen im aktuellen System.

Standard Supply Service

Strom, der über verpflichtende Fördermechanismen oder regulierte Kostenrückgewinnung unterstützt wird, würde proportional den Verbraucher:innen zugewiesen und aus freiwilligen Zertifikatsmärkten entfernt.

Das Prinzip: Wer die erneuerbare Stromerzeugung finanziert hat, sollte auch die entsprechenden Attribute behalten.

Reform des Residualmix

Wenn zeit- und ortsbasierte Residualmixe nicht verfügbar sind, kann ein fossilbasierter Ersatzfaktor angewendet werden.

Dies verhindert eine stille Unterschätzung des nicht-erneuerbaren Verbrauchs und schafft einen klareren Anreiz für robuste Beschaffungsstrategien.


Was weiterhin ungelöst bleibt

Trotz dieser Verbesserungen bleiben strukturelle Fragen bestehen.

Integrität der Wertschöpfungskette.

Strom, der über ein gemeinsames Netz geliefert wird, gehört zu einem gepoolten System. Selbst bei zeitlicher und räumlicher Übereinstimmung bleibt es konzeptionell schwierig, innerhalb eines Wertschöpfungsketten-Inventars den exklusiven Einsatz einer einzelnen Erzeugungstechnologie zu beanspruchen.

Begrenzte Additionalität.

Der Vorschlag verlangt keinen Nachweis von Additionalität. Unternehmen könnten sich entscheiden, Zertifikate nur während Zeiten niedriger Kosten und hoher Verfügbarkeit zuzuordnen, wodurch der potenzielle Systemeffekt begrenzt bleibt.

Relevanz für Investor:innen.

Ein Unternehmen könnte einen langfristigen Vertrag mit einem fossilen Stromerzeuger abschließen, separat erneuerbare Zertifikate kaufen und dennoch null marktbasierte Emissionen berichten. Die Exposition gegenüber klimabezogenen regulatorischen Risiken bliebe im Scope-2-Reporting unsichtbar.

Kurz gesagt verbessern die Reformen die prozedurale Strenge, lösen jedoch die Spannung zwischen Attributmärkten und Wertschöpfungsketten-Bilanzierung nicht vollständig auf.


Consequential Accounting: eine parallele Entwicklung

Neben den Scope-2-Überarbeitungen prüft das GHG Protocol auch das Konzept des consequential accounting.

Dies würde Unternehmen ermöglichen, Emissionsveränderungen zu berichten, die durch spezifische Maßnahmen verursacht werden — zum Beispiel:

  • neue erneuerbare Kapazität durch einen langfristigen PPA ermöglichen
  • Emissionen durch Lastverschiebung reduzieren
  • den Bau emissionsintensiver Infrastruktur vermeiden

Consequential Reporting könnte einen klareren Kanal für Impact-Claims bieten, ohne die Grenzen von Emissionsinventaren zu verzerren.

Für Berater:innen könnte dies eine ergänzende Offenlegung neben dem traditionellen Inventar-Reporting werden.


Praktische Überlegungen für europäische Berater:innen

Mehrere operative Fragen bleiben offen.

  • Kundensegmentierung: Große Unternehmen verfügen möglicherweise bereits über stündliche Daten. KMU könnten mit der zusätzlichen Komplexität Schwierigkeiten haben. Ausnahmeschwellen werden entscheidend sein.
  • Räumliche Definitionen: Europäische Netzregionen, Gebotszonen und synchrone Gebiete stimmen nicht immer mit nationalen Grenzen überein. Praktische Leitlinien werden entscheidend sein.
  • Kommunikationsaufwand: Die Erklärung von location-based gegenüber market-based Reporting ist bereits anspruchsvoll. Stündliches Matching erhöht die Komplexität weiter.
  • Disziplin bei Aussagen: Es müssen klare Unterscheidungen getroffen werden zwischen dem Kauf von Attributen, der vertraglichen Beschaffung physischen Stroms und der tatsächlichen Ermöglichung zusätzlicher erneuerbarer Stromerzeugung.

Die Sprache, die gegenüber Kund:innen verwendet wird, wird ebenso wichtig sein wie die Methodik.


Ausblick

Die endgültige Scope-2-Guidance wird für 2027 erwartet, weitere Konsultationen sind für 2026 vorgesehen.

Das wahrscheinlichste Ergebnis ist kein radikales Redesign, sondern eine Verschärfung bestehender Strukturen: mehr Granularität, strengere Zuordnung und größere Transparenz.

Die grundlegende Spannung zwischen Zertifikatsmärkten und Wertschöpfungsketten-Bilanzierung bleibt bestehen.

Für Nachhaltigkeitsberater:innen liegt die Priorität in der Vorbereitung:

  • interne Expertise zu Emissionsfaktoren und Netzstrukturen stärken
  • Entwicklungen rund um Additionalität und consequential reporting beobachten
  • Kund:innen auf technisch stärker eingeschränkte Aussagen vorbereiten

Das Scope-2-Reporting wird strenger. Es wird nicht einfacher.

Erfahren Sie mehr über die Scope-2-Guidance, indem Sie das vollständige Webinar ansehen moderiert von Kenneth Van den Bergh (Co-Founder & CEO Carbon+Alt+Delete) und Matthew Brander (Professor für Carbon Accounting an der University of Edinburgh).


Über Carbon+Alt+Delete Wir bieten Software für die CO₂-Bilanzierung an, die Nachhaltigkeitsberatungen und Consultants unterstützen, Unternehmen auf dem Weg zum Netto-Null-Ziel zu begleiten. Interesse daran, zu erfahren, wie unsere Software Ihre CO₂-Bilanzierungsdienstleistungen verbessern kann?

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